Im jüngsten deutschen Fall hat der Schritt zu einem erfolgreichen Start in Frankfurt geführt. ThyssenKrupp spaltete seine Marinetochter TKMS (ThyssenKrupp Marine Systems) ab und brachte sie am 20. Oktober an die Börse. Das Wertpapier startete bei 60 Euro und entwickelte sich von dort aus deutlich nach oben. Nach den durchaus üblichen Korrekturen der Anfangs-Euphorie lag die Aktie zum Jahresende weiterhin über dem Ausgangswert. Im Dezember wurde die Entscheidung für das Spin-off auf eine weitere Weise bestätigt: TKMS erfüllte schon nach diesen wenigen Wochen die Kriterien des MDax und wurde kurz vor Weihnachten in den zweithöchsten deutschen Index aufgenommen.
ThyssenKrupp entschloss sich im Zuge eines Konzern-Umbaus zu diesem Schritt. Das Unternehmen gab 49 Prozent der Anteile an TKMS in den Handel und behielt 51 Prozent in einer neuen Holding-Gesellschaft. Die Aktionäre von ThyssenKrupp bekamen für je 20 Wertpapiere eines des Börsenneulings.
Die Möglichkeit zur Abspaltung ergab sich aus einer stark gewachsenen Sparte. Nach Unternehmensangaben hatte sich der Wert der Aufträge innerhalb von fünf Jahren bis zum Sommer 2025 verdreifacht. Die TKMS-Werft gilt als ausgelastet bis zu den 2040er Jahren, unter anderem weil sie vier U-Booten in einem deutsch-norwegischen Programm baut, sechs deutsche U-Boote modernisiert und den Forschungseisbrecher „Neue Polarstern“ fertigt. Das führt zu wachsenden Standorten (etwa in Wismar) und Beschäftigtenzahlen, die über den bisherigen Wert von 8300 Mitarbeitern wachsen werden.
Diese Details des Börsengangs zeigen, was Anleger beobachten sollten. Es gilt darauf zu achten, ob und wie die Sparte innerhalb eines Konzerns aufgrund aktueller Entwicklungen weit überdurchschnittlich wächst. Dann kann es aus unternehmerischer Sicht Sinn ergeben, einen Spin-off zu schaffen, damit die erfolgreiche Sparte sichtbarer für Investoren wird und lieber eigenständig am Markt auftritt, weil man so agiler und flexibler ist. Das ist insbesondere auch dann vorteilhaft, wenn der Gesamtkonzern in einer Krise steckt und nicht so gute Zahlen schreibt wie die erfolgreiche Sparte. So entsteht für Anleger mehr Sicherheit, dass ihr Geld nicht „versickert“, sondern in der attraktiveren und innovativeren Abspaltung zum Einsatz kommt.
ThyssenKrupp und TKMS haben einen Trend bestätigt, den unter anderem Siemens begründet hat. Das Unternehmen ist gleich mit mehreren Töchtern an die Börse gegangen (Siemens Energy, Siemens Healthineers und Fluence Energy), Bayer wählte einen vergleichbaren Weg, und Continental trennte seinen Autozulieferer-Bereich vom Reifengeschäft. Die Antriebssparte Vitesco hatten die Hannoveraner bereits 2021 abgespalten, die Kunststofftechnik unter dem Namen Contitech soll noch folgen.
Damit haben die großen Industrie-Unternehmen sich von einer früheren Philosophie mindestens teilweise verabschiedet. Damals wurden stets die Synergien betont, die man durch das Zusammenfassen von Unternehmen und Sparten heben kann, etwa durch einen gemeinsamen Einkauf. Zudem galt es als wichtiger Vorzug, dass man unter einem Dach Gewinne und Verluste passend ausgleichen konnte. Nun überwiegen die oben genannten Vorteile der Teilung eines Konzerns. Abspaltungen werden zu einem Merkmal der industriellen Transformation, Schlankheit gilt als neue Stärke.
Auf internationalem Parkett war der Hang zur Abspaltung mit einem lebensnahen Produkt verbunden: Unilever hat sich von seinem Speiseeis-Geschäft getrennt, dieses notiert nun unter dem Namen The Magnum Ice Company in London, Amsterdam und New York. Unilever-Anleger erhielten für jeweils fünf gehaltene Anteilsscheine eine der neuen Aktien, rund 20 Prozent blieben bei Unilever. Der Wert der Magnum Ice Company wurde im Dezember mit acht Milliarden Euro beziffert, der Aktienkurs legte in den ersten Wochen um mehr als sechs Prozent zu.
Der Fall ist noch stärker eine Frage von Fokussierung und Markenbildung. Als Mischkonzern war Unilever schwerer greifbar, er soll nun zu einem Spezialisten für Beauty- und Körperpflegeprodukte umgebaut werden. Die Abspaltung des Speiseeis-Bereichs bewerteten Beobachter daher als Meilenstein für diesen Weg, weil die Bereiche kaum Berührungspunkte und damit Synergie-Potentiale besitzen. Auch in weiteren Aspekten unterscheiden sie sich deutlich. Die Eissparte erfordert mit Blick auf die Kühlkette eine eigene Logistik, zudem müssen saisonale Schwankungen berücksichtigt werden, die es in den anderen Bereichen so nicht gibt.
Der Schweizer Baustoff-Hersteller Holcim hat in diesem Jahr eine andere Form der Abspaltung geschaffen: eine regionale. Das gesamte Geschäft in den USA, Kanada und Mexiko wird nun von Amrize betrieben, das als 100-prozentiges, eigenständiges Unternehmen an die Börsen in New York und Zürich gebracht wurde. Holcim selbst fokussiert sich auf Europa, Australien, Nordafrika und Lateinamerika. Der geschätzte Wert von Amrize liegt mit rund 26 Milliarden Franken etwas höher als der von Holcim (rund 25 Milliarden Franken). Die Aktionäre erhielten daher pro Wertpapier eine Amrize-Aktie als Sonderausschüttung in Form einer Sachdividende.
In diesem Fall war nicht eine Krise der Grund für den Spin-off-Schritt, der Aktienkurs von Holcim hatte sich in den drei Jahren zuvor verdoppelt. Wesentlich für die Entscheidung war vielmehr eine Lücke in der Region. Bisher gab es keinen großen Baustoff-Spezialisten, der sich auf die USA konzentriert, dort ansässig und börsennotiert ist. Das ist mit Amrize nun anders geworden, für Investoren mindestens klarer erkennbar und voraussichtlich auch attraktiver. Das neue Unternehmen kann sich darauf konzentrieren, am gewaltigen Infrastruktur-Programm der Vereinigten Staaten zu partizipieren. Und es wird dabei von US-Präsident Donald Trump voraussichtlich nicht als fremdes Unternehmen wahrgenommen.
Dessen Zölle wiederum werden für den Abspaltungs-Prozess nicht prägend gewesen sein –waren sicher aber auch kein Gegenargument, ein Unternehmen mit Hauptsitz in Chicago zu begründen.