Krieg in der Ukraine – Aus Investorensicht besonnen bleiben und strategische Fehler vermeiden

25.02.2022 | In eigener Sache

Russlands Angriff auf die Ukraine stellte für uns ein aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten unwahrscheinliches Szenario dar. Die sich nun aufbauende Sanktionsspirale stellt einige unserer zentralen Annahmen für unseren Wirtschaftsausblick in Frage. Vor allem für Europa wird der Energiesektor neuralgisch sein für die zukünftige wirtschaftliche Aktivität. Wahrscheinliche Einschränkungen russischer Gas- und Öllieferungen können nur zu hohen Kosten von den betroffenen Unternehmen und Privathaushalten substituiert werden. Vor allem energieintensive Produktionsprozesse werden davon betroffen sein. Diese sind vorrangig in zyklischen Branchen anzutreffen. In der Kausalkette kann dies zu einem verminderten Wirtschaftswachstum in Deutschland in 2022 führen. Das Risiko weiter anziehender Inflationsraten steigt. Gleichzeitig befindet sich die Geldpolitik in einem Dilemma, bei welchem Zinserhöhungen kaum möglich scheinen. Die Zeichen stehen durch Russlands Angriff auf die Demokratie daher auf Stagflation. Profitieren werden in erster Linie sichere Anlagen. Investoren sind jedoch gut beraten, nicht kopflos mit Angst zu agieren, sondern erst einmal abzuwarten, wie sich die Situation entwickelt.

 Alles deutet darauf hin, dass der Angriff Russlands auf die Ukraine von langer Hand vorbereitet wurde. Die internationale Gemeinschaft wurde parallel mit Schattenverhandlungen ruhiggestellt. Umso erstaunter waren die meisten Beobachter und Investoren, dass tatsächlich die gesamte Ukraine, und nicht nur die prorussischen Provinzen in der Ostukraine, Ziel der großangelegten Invasion Russlands sind. Über die Motive und Ziele des russischen Präsidenten kann nun viel gerätselt werden. Dennoch steht nun vor allem das Leid der Zivilbevölkerung in der Ukraine im Fokus. Zwar arbeitet die internationale Gemeinschaft fieberhaft an für Russland schmerzlichen Sanktionen, doch darf durchaus bezweifelt werden, dass dies für ein schnelles Ende der militärischen Aggression sorgen wird.

Global wird die Wirtschaft mit vier zentralen Punkten umgehen müssen. In erster Instanz regiert an den Börsen der Unsicherheitsschock. Dieser führt zu größerer Zurückhaltung bei Investitionen von Unternehmen und Anlegern. Die angestoßene Sanktionsspirale trifft dann den internationalen Warenhandel und die globalen Lieferketten. Hier sind vor allem Industrie und Banken betroffen. Wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Ein genauer Blick auf die einzelnen Unternehmen ist daher stets geboten. Ferner hat sich Russland mit dem Schritt über die ukrainische Grenze eine Rezession stante pede ins Haus geholt. Die Effekte sind jedoch für Europa und Deutschland verkraftbar. Deutsche Exporte nach Russland stehen lediglich für 0,7% der hiesigen Wirtschaftsleistung. Die Zahlen für die gesamte Europäische Union sehen ähnlich aus.  Der letzte und wichtigste Punkt stellt allerdings die zukünftige Unsicherheit bezüglich der Energieversorgung dar. Russische fossile Brennstoffe zu substituieren, wird deutliche Kostensteigerungen nach sich ziehen. Immerhin sind sich Energieexperten einig, dass es bei einem vollständigen Ausbleiben von Lieferungen aus Russland zu keiner Energierationierung kommen wird. Zumindest nicht in den kommenden neun Monaten. Klar ist dennoch, dass die EU und vor allem Deutschland in Bezug auf Energie besonders exponiert sind. Hier besteht umgehender Handlungsbedarf. Daher ist es wahrscheinlich, dass die sich noch in Betrieb befindlichen Atomkraftwerke in Deutschland nicht wie geplant zum Jahresende 2022 final abgeschaltet werden und der Ausbau regenerativer Energien nochmals politisch forciert wird.

 Welche Folgen ergeben sich für Anleger?

Kurzfristig haben die Kapitalmärkte in nahezu allen Bereichen mit deutlichen Kursrückschlägen reagiert. Die Amplituden waren in Europa deutlich ausgeprägter als in den USA. Auf mittlere Sicht wird entscheidend sein, wie weit sich die Sanktionsspirale gegen Russland drehen wird. Der härteste Schlag wäre ein Komplettausschluss aus dem internationalen Zahlungssystem SWIFT. Dann würde jeglicher internationaler Handel mit Russland – sofern er nicht über Bargeld abgewickelt wird – unmittelbar auf Eis gelegt. In jedem Fall steigt das Risiko einer Stagflation, besonders in Europa aufgrund der hohen Energieabhängigkeit von Russland. Für die EZB wird dadurch das Dilemma bei ihrer Geldpolitik immanent. Hilfreich ist bei alledem unsere Ausrichtung auf defensive Substanztitel. Diese sind weit weniger anfällig für steigende Inflationsraten. Auch haben wir Unternehmen gemieden, die stark exponentielle Geschäftsaktivitäten in ihre Kurse eingepreist hatten.

Wichtig ist es in einer solchen Situation besonnen und wachsam zu bleiben, sich jedoch nicht von Angst und Emotionen leiten zu lassen. Dies ist und war bekanntermaßen nie ein guter Ratgeber. Außerdem zeigt ein Blick in die Geschichte, dass politische Börsen in der Regel kurze Beine haben. Wir wollen damit sagen, dass in diesen gräulichen Tagen durchaus auch Opportunitäten liegen. Um zu sagen, ob wir diese moderat oder sogar vehement nutzen, ist es aktuell noch zu früh.

Wir danken für Ihr Vertrauen und stehen Ihnen jederzeit für Gespräche zur Verfügung.

Grossbötzl, Schmitz & Partner Vermögensverwaltersozietät GmbH

 

DISCLAIMER

Dieser Artikel enthält die gegenwärtigen Meinungen des Anlageausschusses der Grossbötzl, Schmitz & Partner Vermögensverwaltersozietät GmbH (Stand 24.02.2022, 21.30 Uhr).

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